Roger

Aarau, Schweiz, im Dezember 2020

Weisst du, dieses Weihnachten wird anders werden. Das erste Mal ohne meine Grossmutter, vermutlich wäre es das auch ohne Pandemie. Es ist ihr erstes Jahr im Altersheim, vielleicht wird sie vergessen haben, dass heute Weihnachten ist. Sie sagte früher stets, ach weisst du, so will ich nie enden. Dann ging es rapide bergab.


Wir besuchten sie oft in ihrem Haus in ruhiger Gegend mit grossem Umschwung und weiter Sicht. Nun wohnt dort einzig noch mein Onkel mit Cindy, der 15-jährigen Katze. »Cindy wird sich fragen, wo ich geblieben bin«, sagt meine Grossmutter manchmal. Du musst wissen, dass vor fast 20 Jahren ihr Mann gestorben war. So plötzlich, dass es ein harter Schnitt in unserem Leben war. Ich erinnere mich nur schwach an ihn, und es dauerte lange, bis meine Grossmutter wieder lachen konnte. Es ist dieses Lachen, das man ihr heutzutage wiederum schwer entlocken kann. Vor ein paar Jahren war es einfach, irgendein alberner Spruch, aber im Altersheim ist es mir trotz einiger Versuche bisher nur einmal gelungen. Dieses unverkennbare Loslachen.


Weisst du, ich musste mich stark abgrenzen, das musste ich lernen, denn ansonsten würde es richtig wehtun. Man muss im hohen Alter nicht verzweifelt sein, aber sie ist es halt geworden. Übel nehmen kann ich es ihr nicht, oder? Ich verstehe sie besser seit jenem Besuch vor ein paar Monaten, als meine Mutter ein altes, vergessenes Notizbuch meiner Grossmutter mitbrachte und wir sie fragten, ob wir ihr daraus ein paar Erlebnisse aus früheren Zeiten vorlesen durften. Da standen Daten und kurze Beschreibungen von Familientreffen, Wanderungen, ja sogar Friseur-Terminen. Ich musste schmunzeln und blätterte weiter zurück. Weihnachten 1995: Einladung bei meiner Tochter, ein wunderbarer Tag. Ich blätterte wieder vor und hielt inne. Jahr 2005: Über Sissi, ihre frühere Katze. Ich wusste, dass dieser Text nicht für mich bestimmt war, aber es war schon zu spät, ich hatte ihn zu lesen begonnen. ›Heute musste Sissi eingeschläfert werden, im Alter von 16 Jahren. Sie fehlt mir so sehr. Nun bin ich allein, jetzt ist niemand mehr da, der auf mich wartet.‹


Weisst du, nun verstehe ich besser, warum sie einsam ist. Vielleicht, wenn diese Pandemie vorbei ist, sollte ich sie öfter besuchen. Denn da war noch ein Eintrag, ganz weit vorne, notiert in den frühen Neunzigerjahren: ›Heute war die Geburt meines ersten Enkelkindes. Er ist ein richtiger Sonnenschein.‹