Ramon

Getroffen in der Schweiz im Januar 2021

Das ist Ramon, und wenn du in seinem Auto sitzen würdest, so würdest du am Innenrückspiegel ein kleines Kreuz hängen sehen, das beim Fahren hin und her baumelt. Und würdest du ihn begleiten, wüsstest du, dass er in einer Schokoladenfabrik arbeitet. Bereits seit 10 Jahren. Ohne seine Mutter wäre das anders gekommen.

»Ramon, sieh mal, Lebensmitteltechnologe wäre doch was für dich«, sagte sie vor langer Zeit zu ihm und deutete auf den Bildschirm. Sie hatte im Internet recherchiert. Und beim handschriftlichen Schreiben seiner Bewerbungen bestand sie auf Perfektion. »Mach das bitte nochmals neu, Rechtschreibefehler machen keinen guten Eindruck.« Ramon befolgte ihren Rat, und schliesslich wurde er zur Schnupperlehre eingeladen.

Heutzutage, wenn er am Abend zurück in seine Wohnung kommt, ist es still. Wenn Kollegen auf Besuch sind, trinkt er ab und zu ein Bier, aber allein kommt das selten vor. Auf seinen Alkoholkonsum achtet er bewusster seit dem Tod seiner Mutter vor 2 Jahren. Man hatte ihr nicht helfen können, die Sucht war schlussendlich zu stark gewesen. Trotz all der Probleme hat er eine gute Mutter gehabt, würde er dir erzählen, natürlich waren die Spannungen zwischen ihm und ihr allgegenwärtig gewesen, aber sie unterstützte ihn, so holte sie ihn damals von der Schnupperlehre am Abend ab und fragte, wie es gelaufen war. Das war für Ramon der Start in ein gelungenes Berufsleben gewesen.

Mit dem Lohn der Berufslehre bezahlte er Fahrstunden, ein halbes Jahr später bestand er die Autoprüfung. An diesem Tag schenkte seine Mutter ihm einen kleinen Gegenstand, den er heutzutage zwar nicht immer wahrnimmt, der ihn manchmal aber daran erinnert, dass er das Leben trotzdem schätzen will. Manchmal können wir zwischen zwei Perspektiven wählen … wie die zwei Seiten eines kleinen Kreuzes, das seit Jahren an seinem Innenrückspiegel hängt und beim Fahren hin und her baumelt. Und wenn du Ramon begleiten würdest, wüsstest du, dass er heute als Lebensmitteltechnologe in einer bekannten Schokoladenfabrik arbeitet. Ohne seine Mutter wäre das anders gekommen.

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