Ramón

Getroffen in der Region Aarau, Schweiz, im Juni 2020

»Ich habe das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, was bedeutet, dass ich manchmal wegen kleinen Dingen ausflippe. Motorradfahren gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Es hilft mir abzuschalten, mich selbst zu sein und meine Gedanken zu ordnen. Vor über einem Jahr stand ich in einem Motorradladen, weil mein Bruder ein paar Sachen kaufen wollte. Als ich mich so umschaute, dachte ich: ›Ich will auch Motorrad fahren können.‹ Letztes Jahr fuhr ich schliesslich nach Österreich für ein paar Tage. Ich ging allein. So war ich gezwungen, neue Leute kennenzulernen. Nächsten Sommer werde ich zum Nordkap fahren, was ungefähr einen Monat dauern wird. Zuerst plante ich diese Reise ebenfalls allein zu machen, aber ein Kollege fragte mich, ob er mitkommen kann. Es ist natürlich schön, dieses Abenteuer mit jemanden teilen zu können. Ich arbeite in einem Behindertenheim und gerade heute bereitete ich einen Vorschlag für ein neues Auto mit einer Rollstuhl-Verladeeinrichtung vor. Dann kam jemand zu mir und wollte auf den letzten Drücker noch Dieses und Jenes abgeändert haben, obwohl wir das bereits vor einer Woche besprochen hatten. Ich wurde wütend. Meine Kollegen wissen, dass sie mich in solchen Situationen einfach kurz allein lassen müssen. Normalerweise bin ich ein ruhiger Typ, ich bin nicht hyperaktiv wie manche Menschen denken. Als 12-Jähriger musste ich in ein Heim ziehen. Ich warf meinen Eltern vor, dass sie mich weghaben wollten. Ich musste viele Medikamente einnehmen. Meine Familie und unser Hund fehlten mir, aber rückblickend muss ich gestehen, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte. Ich komme nun viel besser mit mir selbst klar. Viele fragen mich, weshalb ich so oft für mich allein sein möchte. Ich antworte jeweils, dass weil ich in einer sozialen Einrichtung arbeite, ich an den Abenden nicht mehr so sozial sein muss. Ich weiss, es tönt makaber, aber es ist die Wahrheit.«

  • Black Facebook Icon
  • Black Instagram Icon

© 2020 by  The 7 Memories