Nelly

Getroffen im Kanton Bern, Schweiz, im August 2020

»Unser Schuhwerk könnte unterschiedlicher kaum sein«, sage ich zu Nelly, als wir den Hügel hochgehen. Denn für heute habe ich Wanderschuhe angezogen. »Ich muss meine Füsse etwas schonen«, sagt sie, während ich Mühe habe, mit ihrem Tempo mitzuhalten. »Ich fahre manchmal mit den Inlineskates hier hoch und renne anschliessend wieder hinunter. Früher fuhr ich Wettkämpfe, heutzutage gebe ich mehr Trainings. Mit den Jugendlichen kann ich gerade noch so mithalten.« Auf der Karte entdeckte ich im Vorfeld eine Burg, die unbedingt im Foto zu sehen sein soll. Von Westen her hat man anscheinend ungehinderte Sicht, während die Sonne am Vormittag von Südosten kommt … eine ideale Lichtsituation, wenn wir Glück haben. Nelly erzählt mir, dass sie hier zu Lockdown-Zeiten viel unterwegs war. »Ich gehe am liebsten allein. Mit meinem Mann ist es auch schön, aber er nimmt’s lieber gemütlich. Der November ist für mich der schwierigste Monat. Dann kommt der Nebel, dann musst du höher rauf für die Sonne und zum Skifahren ist es noch zu früh.« Mittlerweile sind wir fast oben und ich frage sie, was sie als eine ihrer Stärken ansieht. Sie überlegt ein paar Sekunden und ich füge hinzu: »Oder ist es die Bewegung?« »Ja … eigentlich schon, ich bin ein Bewegungsmensch.« Auf einer weiten Wiese machen wir ein paar Fotos, aber ganz zufrieden bin ich nicht. Die Burg kommt nicht zur Geltung. »Wollen wir es noch auf dieser Erhöhung dort vorne versuchen?«, frage ich. »Können wir. Ich glaube, da gibt es irgendwo einen Weg.« Zwei Minuten später finden wir ihn: Über Wurzeln zwischen den Bäumen hindurch. Und von einer eingezäunten Schafherde belagert. Wir haben keine andere Wahl, Nelly ergreift die Initiative, steigt über den Zaun und schreckt kurz auf. »Hier ist tatsächlich Strom drauf.« Rund 20 Schafe folgen uns laut und hoffentlich wohlwollend, und ich bin froh, können wir nach 100 Metern wieder über den Zaun steigen. Während ich das Kameraobjektiv wechsle, reisst die Wolkendecke auf und die Sonne zeichnet dieses Schattenmuster auf die Wiese. Nach ein paar Auslösern bin ich zufrieden. So schnell wie wir hochgegangen waren, gehen wir nun wieder runter, und am Bahnhof erwische ich mit zwei Minuten Wartezeit den Zug, der nur einmal pro Stunde fährt. »Von dieser Seite habe ich die Burg gar noch nie gesehen«, werde ich Nelly später in Erinnerung sagen hören und auch ich glaube, dass das ein guter Ort gewesen war.

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