Natalie - Vor und nach Irland

Schweiz, im Februar 2021

Normalerweise kann ich mich emotional abgrenzen, aber in dieser Nacht lag ich noch lange wach.

»Im Alltag erzähle ich nicht so gerne davon«, sagt Natalie gegen Ende unseres Telefongesprächs. »Die Leute sind häufig schockiert. Dann muss ich mich entschuldigen und betonen, dass das schon lange her ist. Ich möchte kein Mitleid.« Die heute 53-Jährige wirkt reflektiert und lebensfroh, und würde man sie auf der Strasse treffen … man könnte ihre Vergangenheit nicht erahnen.

___ »Irland 2010. Der Linksverkehr war noch ungewohnt für mich, zudem mein Auto für den Rechtsverkehr ausgelegt war. Aus einem Kreisel bog ich in die Strasse in Richtung des Dorfes ab. Dann stellte ich mit Schrecken fest: Einbahnstrasse. Autos kamen mir entgegen und bei diesem Verkehr rückwärts in den Kreisel zu fahren war nicht möglich. Beim Pub in der Nähe sah ich zwei Männer, die meine missliche Situation sofort erfasst hatten. Sie eilten die Strasse hoch, gaben Handzeichen und stoppten den Verkehr, sodass ich zurück in den Kreisel fahren konnte. So banal es klingt, aber es zeigte mir, wie toll Menschen sein können. Gegen Ende meiner 10 Monate in Irland fragten manche Leute mich, ob ich wirklich wieder zurück in die Schweiz wolle.

Mein Sohn war damals 9 Jahre alt. Er hat zweimal geweint. Das erste Mal, als wir mit vollgepacktem Auto aus der Schweiz losgefahren sind und das zweite Mal, als wir Irland wieder verliessen. Meine damals 11-jährige Tochter hatte gemischte Gefühle. Zwei Kinder ein Schuljahr im Ausland verbringen lassen … natürlich ist diese Idee nicht überall auf Verständnis gestossen. Wir alle hatten wenig Sprachkenntnisse. Aber es war wichtig für uns gewesen. Ich musste weg, ich musste Abstand gewinnen.

6 Jahre zuvor, 2004, hatte ich meinen Mann verloren. Er brach durch eine Blutung im Stammhirn zusammen, musste operiert werden, lag mehrere Wochen im Koma. Es bestand Verdacht auf das Locked-In-Syndrom, dessen Bedeutung mir anfänglich unbekannt war. ›Du willst gar nicht wissen, was das bedeutet‹, sagte meine Schwester an diesem Tag, als sie im Internet nachgeschaut hatte.

Nach ein paar Wochen war es meinem Mann und mir tatsächlich gelungen, dass wir miteinander kommunizieren konnten. Du musst dir vorstellen, dieser Locked-In war ein Zustand, bei dem er zwar bei vollem Bewusstsein, aber fast komplett gelähmt war. Es bestand keine Hoffnung auf Besserung. Er konnte nur seinen rechten Arm heben und senken, sowie mit den Augen blinzeln. Das war alles. Also zählte ich das Alphabet auf, A, B, C, D, E, F, G, und wenn er blinzelte, bedeutete das, dass er den Buchstaben auswählte, den ich soeben ausgesprochen hatte. Aus Buchstaben wurden Wörter, und daraus ganze Sätze. Mit der Zeit kamen wir mit dieser Methode verhältnismässig schnell voran.

Er gab mir bald zu verstehen, dass er so nicht mehr weiterleben wollte. Im Alter von 39 Jahren. Für meinen Egoismus wäre es besser gewesen, mein Mann wäre in ein Pflegeheim gekommen. Aber ich akzeptierte seine Entscheidung und setzte mich mit der Sterbehilfe in Verbindung. Die Vorabklärungen und Gespräche … das war ein langer Prozess gewesen.

Ich wollte, dass er in Würde sterben konnte. In den eigenen 4 Wänden. Meine Mutter und ihr Lebenspartner waren als Zeugen anwesend, und als die Sterbebegleiterin die grosse Ampulle mit dem Mittel hervorholte, kommunizierte mein Mann blinzelnd zu mir: ›Damit könntest du sogar einen Elefanten töten.‹ So war er, immer zu einem Witz aufgelegt, sogar in dieser Situation. Ich war froh, dass wir noch so viel Zeit wie möglich miteinander verbracht hatten. Dass wir zumindest banale Angelegenheiten hatten klären können. Unter anderem hatten wir besprochen, wo er begraben werden will. Aber jetzt musste ich tapfer sein. Ich schaute ihn an und es war mir – für einige Sekunden – als sähe ich Angst in seinen Augen. Dann wurde es ganz still. Nach 3 Minuten sagte die Sterbebegleiterin: ›Nun ist er gegangen.‹ ›Bereits jetzt?‹, fragte ich verwundert. ›Ja, er war wirklich bereit dazu.‹

Anschliessend kam die Polizei, meine Mutter unterhielt sich mit ihnen in der Küche, während ich in den oberen Stock zu meinen beiden Kindern ging. Alles fühlte sich so surreal an.

Meinem Sohn, damals 3 Jahre alt, hatte ich es erst viele Jahre später erklärt. Meine 5-jährige Tochter hatte bereits von Anfang an geahnt, was vor sich gegangen war. Heute sind sie erwachsen und verstehen die Entscheidung ihres Vaters. Am 12. März werden 17 Jahre vergangen sein. Am Todestag und an seinem Geburtstag erinnere ich mich immer besonders an ihn, ich rechne mir dann stets aus, wie alt er werden würde.

Weisst du, natürlich war es für mich auf eine Weise eine Erleichterung gewesen, als er gehen konnte. Aber eher eine arbeitstechnische Erleichterung. Die Leere, die zurückblieb … auf die hatte mich niemand vorbereiten können. Seit jenem Tag bin ich, bis auf kurze Zeit, Single geblieben, auch wenn ich 2 oder 3 Jahre nach seinem Tod eigentlich wieder bereit gewesen wäre. Wenn ich heute in einer Beziehung wäre, würde mein Mann vermutlich eher in den Hintergrund rücken. Aber so denke noch bei einigen Gelegenheiten an ihn. Mein Sohn besitzt ähnliche Charakterzüge, bei manchen seiner Aussagen muss ich schmunzeln und sage ich zu ihm: ›Papi hat auch schon einen ähnlichen Satz rausgehauen.‹

Die Zeit in Irland hat mir gezeigt, dass ich alles schaffen kann. Denn es war nicht der einzige Schicksalsschlag gewesen in dieser Zeit. Nach dem vierten Ereignis fragte mich meine Tochter, warum es denn immer unsere Familie treffen musste. Also suchte ich nach geeigneten Orten im Ausland, wo wir unser Jahr verbringen konnten. Ich hatte verschiedene Optionen, aber plötzlich war für mich der Fall klar: Mein Mann hatte unbedingt nach Irland reisen wollen, er wollte fischen gehen, während ich mit dem Fahrrad die Gegend erkunden würde. Nun ist es anders gekommen, so ist das im Leben. Es tut mir vor allem leid für ihn, er hatte noch so viele Pläne. Wenigstens konnte ich ihn in Gedanken mit nach Irland nehmen.«

___ Heute arbeitet Natalie als Sigristin. Vor Jahren hatte sie eine neue Stelle gesucht, die Zeitung aufgeschlagen und sich überraschen lassen. Sie geniesst die kreative Freiheit. Ihr geht es gut, aber eben, halt einfach ein bisschen einsam, sagt sie mir.

Natalie, ich möchte dir herzlich danken, dass du deine Geschichte mit mir geteilt hast. Wie ich nun weiss, gibt es noch so manche Menschen da draussen, die ähnliche Schicksale zu verarbeiten haben. Man ist nicht allein.

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