Karima - part 1

Getroffen im Kanton Aargau, Schweiz, im September 2020

»Ich stand vor der Abwaschmaschine, aber anstatt sie auszuräumen, ging ich zur Couch. Dann kehrte ich in die Küche zurück, dann wieder zur Couch, und so ging das noch 4 Mal … beinahe täglich. Es konnte doch nicht sein, dass ich diese einfache Aufgabe nicht hinkriegte? Ein paar Monate zuvor waren wir in ein neues Dorf gezogen, kurz danach hatte ich meine Tochter zur Welt gebracht. Ich litt unter Schlafmangel, fühlte mich einsam, und dass es Winter war, machte es nicht einfacher. Als mein Mann jeweils nach der Arbeit nach Hause kam, erwartete ich, dass er Zeit mit mir verbringt oder mich in die Stadt fährt, damit ich mich mit anderen Leuten treffen kann. Jedoch lief nichts davon so ab, wie ich mir das vorgestellt hatte … bis wir an einem Punkt angekommen waren, an dem es mir gleichgültig war, wenn wir uns getrennt hätten. Wir machten eine Paartherapie, brachen sie jedoch wieder ab, weil ich erkannte, dass das Problem hauptsächlich bei mir und meiner Denkweise lag. Als schliesslich unsere geplanten Ferien bevorstanden, fand ich nicht die Kraft dazu. Da war dieser Gedanke, der mich überforderte … dass ich alleine bin und mir etwas antun würde. Ich wusste, dass ich sofort Hilfe brauchte. Ab diesem Moment war ich in professionellen Händen und meine Therapeutin brachte mir über Monate hinweg schonend bei, dass ich Eigenverantwortung übernehmen musste. Zuerst machte mich das wütend, denn es bedeutete, dass ich niemandem mehr die Schuld für meinen Zustand geben konnte. Ich erkannte, dass ich manchmal zu impulsiv gehandelt hatte. Wenn meine Erwartungen nicht erfüllt wurden und ich dadurch verletzt war, konnte ich giftig werden. Heute ziehe ich mich zuerst zurück – auch wenn es nur 15 Minuten sind – und erst dann antworte ich. Ich erkenne meine Gefühle und gebe sie an mein Gegenüber weiter, damit er in Ruhe darauf antworten kann. Diese Erkenntnisse haben mir viel gebracht … es hat meine Ehe gerettet. Heute erlaube ich mir, Schwächen zu zeigen. Dann ist die Wohnung halt mal nicht so aufgeräumt, wenn jemand zu Besuch kommt. Und so kam es, dass ich eines Tages zu meiner Therapeutin sagte: ›Eigentlich weiss ich gar nicht, was ich Ihnen noch erzählen soll.‹ Wir stimmten beide überein, dass es ab nun keine Sitzungen mehr brauchte, da ich nach 2 anstrengenden Jahren endlich als offiziell gesund gelte.« _ Heute verfolgt Karima ihren Kindheitstraum, Rettungssanitäterin zu werden. Es ist noch ein langer Weg bis dorthin, aber sie fühlt sich gewappnet dafür. »Ich merke, dass ich mehr tun will für die Allgemeinheit«, sagt sie. »Aber meine Mutter meinte stets, dass ich mich zuerst um mich selbst kümmern muss. Recht hat sie.«