Johannes

Getroffen in Aarau, Schweiz, im November 2020

// Hochsensibel, aber nicht im Sinne von emotional In den letzten Wochen war mein Alltag träger geworden, die kalte Jahreszeit nahm langsam ihren Einzug. Aber an jenem Tag wurde mir klar, dass es noch viel zu entdecken gab in dieser Welt, und das begann so: »Johannes, was findest du besonders an dir?« »Nun, mein Leben ist wie ein gespeicherter Film, mir gelingt es praktisch nicht, irgendwelche Erlebnisse zu vergessen. Ich suche die Ruhe, darum lebe ich hier so, wie ich es tue. Das ist besonders. Aber weisst du, nicht im Sinne von besser, sondern im Sinne von anders.« »Wirst du nicht nostalgisch, wenn du mir diese Bilder aus deiner Vergangenheit zeigst? Mir ginge es vermutlich so.« »Nostalgie ist es nicht, denn der Wortteil ›-algie‹ bedeutet Schmerz. Vielleicht hast du viele schöne Erinnerungen an die Zeit damals, darum empfindest du dieses Gefühl. Aber ich selbst erinnere mich auch an viel Schlechtes, ich sehne mich nicht danach.« »Auf diesem Foto siehst du Gandhis letzte Habseligkeiten nach seiner Ermordung. Er hat nur wenig hinterlassen, ein Kontrast zu unserer materialistischen Welt. Für mich ist er ein Vorbild, aber anstatt eines Buches würde ich eine Harddisk zurücklassen wollen. All meine Dokumente, eingescannten Zeugnisse, Diplome, alle Fotos und Videoaufnahmen, meine Musik, meine Erinnerungen … eine Geschichte über Johannes Ludin.« »Vor Jahren war ich ausgebrannt. Ich konnte keine Bücher mehr lesen und konnte mir keine Filme mehr anschauen, denn die heutigen schnellen Schnitte vertrage ich nicht. Meine Familie sagte, ich würde wie ein Einsiedler leben. Die Bilder hatte ich von der Wand genommen. Ich bin hochsensibel, aber nicht im Sinne von emotional, sondern in der Wahrnehmung und dass ich alles abspeichere. Ich bin oft mit dem Wohnmobil durch Europa gefahren. Mittlerweile kenne ich die Autobahnen beinahe auswendig. Nur Skandinavien würde noch fehlen.« »Es gibt noch so viele Rätsel in dieser Welt, nicht wahr? Mir kommt der bizarre Gedanke, dass ich mich niemals umbringen könnte. Wie verzweifelt müsste ich sein? Ich will dabei sein, wenn diese Rätsel gelöst werden. Letztendlich geht es doch immer um’s Überleben, jedes Lebewesen will leben. Es gibt nur ganz wenige Arten, die sich selbst in den Tod stürzen würden.«

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