Irina

Aarau, Schweiz, im April 2020

(Kapitel 2)

Es ist der 16. April. Kurz vor 17 Uhr werde ich etwas nervös. Ich kenne ihre Nummer nicht, weshalb sie mich zuerst anrufen muss, und ein paar Minuten später geschieht das auch.

»Entschuldige die Verspätung, ich komme soeben von einem Spaziergang zurück.«

Kein Problem für mich, denn ich bin froh, dass sie sich Zeit nimmt. Irina ist 27 Jahre alt und lebt in Basel zusammen mit ihrem Freund … und Cookie, einem kleinen, niedlichen Hund. Sie studiert Theologie, im Sommer 2021 wird sie die Ausbildung zur Pfarrerin abgeschlossen haben. Seltsamerweise hat ein Pfarrer in meiner Vorstellung bisher stets ein Alter von über 40 Jahren aufgewiesen.

»Ich arbeite von zu Hause aus und schreibe an meiner Master-Thesis«, erzählt sie mir. »Es ist nicht leicht motiviert zu bleiben, aber ich habe kein so schlechtes Gewissen mehr wie zu Beginn, wenn ich mal zu viel entspanne. Ich vermisse es Leute zu treffen … einfache Dinge wie sich zu einem Kaffee zu verabreden. In der freien Zeit habe ich ein paar kleine Projekte auf unserem Balkon gestartet. Und an den Abenden singe ich, allerdings mache ich an den Wochenenden Pause.«

»Brauchst du allgemein viel Zeit für dich alleine?«

»Nein, überhaupt nicht. Ich schöpfe Energie aus Treffen mit Anderen. Und du?«

»Wirklich? Bei mir ist es das Gegenteil.« Wir scheinen beide überrascht zu sein.

»2016 hatte ich ein Praktikum bei der Seelsorge«, fährt sie fort. »Wir besuchten Menschen und redeten über ihre Probleme. Nur etwa 20% der Gespräche waren über Gott. Vielmehr redeten wir über Gott und die Welt. Damals brauchte ich Zeit um diese schweren Geschichten zu verarbeiten.«

Etwas später fügt sie hinzu: »Ich will mich auf keinen Fall an ihrem Leid ergötzen, aber ich habe realisiert, wie dankbar ich für mein Leben sein muss. Das ist einer der Gründe warum ich Cookie so mag. Für ihn ist nur der jetzige Moment wichtig. Wenn er auf dem Boden einen Döner entdeckt, dann denkt er nur an diesen Döner. Und selbst wenn ich wütend bin, mag er mich noch immer.«

Wir reden viel über ihre Motivation Pfarrerin zu werden, und ich bin mir sicher, dass ich später mal darüber schreiben werde. Sie mag Menschen und sie mag es ihren Geschichten zuzuhören … es scheint mir offensichtlich.

»Somit kannst du gut singen, oder?«, schlussfolgere ich gegen Ende unseres Gesprächs.

»Phu, nicht wirklich, denn ich treffe die richtigen Töne nicht. Es ist ein Dilemma, aber wir werden sehen. Ich hoffe, die Leute wird es nicht stören, wenn ich wie eine heisere Bergziege daherkomme.« Ab dieser Aussage muss ich nun wirklich lachen, aber ich versuche es zu verbergen. Irina wird definitiv keine Pfarrerin sein, die den Klischees entspricht.

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Irina hat mir freundlicherweise ein Foto von sich und ihrem Hund Cookie zur Verfügung gestellt.


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