Eine grüne Wand - 4

Getroffen in der Schweiz im Dezember 2020

Wenn du dein eigenes Kind nicht liebst (Kapitel 4 von 5) --- »Welche Haarfarbe er denn hat, fragte ich. Dunkel, meinte sie. Ich freute mich, dann kamen also meine Gene durch. Wir hatten immer wieder über die Haarfarbe gescherzt. Dann korrigierte sie und sagte, die Haarfarbe wäre rot. Hmm, okay, dachte ich mir, und sie legte mir das kleine Ding auf die Brust. Ich schaute es an, meine Gedanken waren so düster. Ich fragte mich, ach, das soll es nun sein, das große Wunder, das soll so grossartig sein? Ich kriegte kaum Luft und bat sie, das Kind von mir zu nehmen.

Erschöpft lag ich im Bett, als mein Mann mit dem Kleinen kam. Er weinte vor Glück und fragte, ob ich ihn trotz der roten Haare lieb hab. Ja natürlich, war meine Antwort. Jedoch wusste er nicht, dass ich das nur so daher gesagt hatte. Ich schaue noch heute die Bilder an und erschrecke, wie abgeneigt ich war und wie ich meinen Sohn keines Blickes würdigte. Ich habe es nicht einmal geschafft, eine normale Geburt hinzubekommen, nicht einmal das Stillen schaffte ich. Zu doof für alles.

Wieder zu Hause war jeweils bereits der Morgen die Hölle. Wollte niemand das Kind haben? Ich würde es sofort hergeben, dachte ich mir. Ich behielt ihn aus Pflichtgefühl. Er schlief nie richtig bei mir, er konnte nie allein sein, sodass ich auf’s Klo gehen konnte. Immerzu brauchte er mich, immerzu musste ich mich nach ihm richten. Und schon wieder schreit er! Ich ging jeden Tag spazieren, morgens zwei Stunden und auch nachmittags, so hatte ich Ruhe, so schlief er endlich.

Meine Gedanken waren düster, ich wusste, dass ich was ändern muss. Durch die Mütterberatung kam ich langsam aus dem Schlamassel raus. Ich musste mich ändern. Ich musste mir bewusst machen, dass es nun nach dem Willen meines Sohnes geht. Ich musste mir kleine Inseln schaffen, wo ich mich selbst sein konnte. Das schaffte ich auch, aber immer wieder erinnerte ich mich an die Geburt. Ich fühlte mich als Versager. Konnte ich denn nicht einmal eine Geburt ohne Hilfe meistern? Konnte ich denn nicht einmal mein Kind stillen, zu was tauge ich eigentlich? Ich habe kläglich versagt. Nach einem halben Jahr habe ich schliesslich gelernt, damit umzugehen. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an, Liebe für mein Kind zu empfinden.«

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