Chantal

Getroffen in der Region Aarau, Schweiz, im Februar 2020

»Während der Zeichenstunde kommen die Kinder oftmals zu meinem Schreibtisch und zeigen mir ihre Zeichnung: ›Ist das so in Ordnung?‹ Sie müssen mich das nicht nach jedem Pinselstrich fragen, somit entgegne ich normalerweise: ›Magst du es? Wenn ja, belass es so.‹ Sie sollen nicht mich zufriedenstellen, sondern sie machen es für sich selbst.« Ich treffe Chantal in dem Schulzimmer, wo sie 5. und 6. Klasse unterrichtet. Aber nun ist der Raum leer. Es ist Freitagnachmittag - kurz vor dem Ende der Sportferien. »Was sagst du zu der Aussage, dass Lehrer zu viele Ferien haben?«, frage ich. Sie lächelt. »Es gelangt beim einen Ohr rein und geht beim anderen wieder raus. Ehrlich gesagt verstehe ich, warum die Leute so denken. Sie haben die Erfahrung nie gemacht, aber vielleicht sollten sie das und einen Tag lang als Lehrer arbeiten. Ich kann am Morgen nicht unvorbereitet erscheinen. Die Kinder würden die Situation ausnutzen, sie würden sich langweilen. Aber wenn sie gefordert sind, ist die Stunde angenehm und ich bin nicht gestresst. Es braucht Zeit, um diese Dinge vorzubereiten. Oftmals verlasse ich unter der Woche nicht vor 18 Uhr das Schulzimmer. Zusätzlich arbeite ich auch zu Hause.« »Denkst du, das Ausbildungssystem und die Praktiken in den Schulzimmern sind noch zeitgemäss?« »Ja, weil ich viel Freiraum habe den Unterricht so zu gestalten, wie ich es für richtig halte. Natürlich ist die Theorie wichtig zu lernen, aber genauso sind es die Erfahrungen, die sie während dem Unterricht machen. Wenn sie im Team arbeiten, diskutieren wir nachfolgend immer, wie es gelaufen ist. Ich frage sie, was sie nächstes Mal besser machen können. Soziale Kompetenzen sind sehr wichtig für mich, jeder sollte gehört werden und involviert sein. Wir sind alle verschieden, was von Vorteil sein kann, und das Klassenzimmer ist der ideale Ort, um ihnen das zu zeigen. Ich versuche mit einer Prise Humor zu unterrichten. Wenn jemand während der Singstunde nicht richtig mitsingt, stehe ich demonstrativ neben ihm, berühre mein Ohr und tue so, als würde ich ihm angestrengt zuhören. Ich meine es im gutmütigen Sinne und sie sind sich das bewusst. An einem anderen Tag kam ein Mädchen zu mir, nachdem bereits alle anderen Schüler gegangen waren. ›Da die Stunde nun vorüber ist, muss ich Sie immer noch siezen?‹ Es war ziemlich lustig, somit fragte ich zurück: ›Wie willst du mich denn sonst nennen?‹ Ich mag die Kinder und am Ende jeden Jahres verlässt uns ein Teil von ihnen. Das sind die traurigen Momente.«

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