Anja

Getroffen in Zürich, Schweiz, im März 2020

»Es war eine Erleichterung zu realisieren, dass ich nicht cool sein muss. Wenn ich etwas gefragt werde – zum Beispiel im Büro – kann es durchaus vorkommen, dass ich eine langweilige Antwort gebe. Manchmal denken die Leute, ich wäre schlecht gelaunt, aber dies ist einfach mein üblicher Gesichtsausdruck. Ich müsste die ganze Zeit über lächeln.«

Ich kann nicht widerstehen: »Das heisst du hast ein 'Resting Bitch Face'?«

Sie lacht, was eine Zustimmung zu sein scheint. Nachdem ich dieses Foto von Anja gemacht habe, tut sie es mir gleich. »Ich fotografiere regelmässig Events«, erzählt sie. »Letzte Woche jedoch war meine erste Hochzeit. Zu Beginn der Zeremonie sagte die Braut zu den Gästen: ›Lasst uns den Moment geniessen und die Handys in Taschen belassen. Dafür haben wir schliesslich einen Profi engagiert.‹ Und ich dachte mir: ›Oh-oh-…‹ Ich fühlte den Druck, aber schlussendlich ging alles gut. Ich machte genau 1'111 Fotos.«

Wir gehen weiter der Seepromenade entlang. Zu einem Zeitpunkt sagt sie: »Nach der Hochzeit fuhr ich im Wagen einer Familie zurück. Die zwei Eltern, und ich auf dem Rücksitz mit zwei Kindern. Sie lachten, hörten Musik und hatten Angst vor dem Schneesturm, in dem wir uns befanden. Von aussen hättest du nicht erkannt, dass dies ein spezieller Moment für mich war. Dieses starke Gefühl von Geborgenheit überkam mich. Als ich mit 16 bei einer Gastfamilie in den USA wohnte, spürte ich es das erste Mal. Ich frage mich, ob eine Mutter dasselbe fühlt. Kannst du jemals dieses Gefühl, das du eigentlich als Kind hättest spüren sollen, zurückbekommen? Dieses Gefühl von Geborgenheit?«

Die Antwort weiss ich ebenfalls nicht. »Hatte diese Erkenntnis Auswirkungen auf das, was du momentan machst in deinem Leben?«

»Nein, das ist unabhängig davon.«

»Oder auf das, was du in der Zukunft gerne machen würdest?«

»Nein … sorry«, antwortet sie selbstsicher.

»Kein Problem.«

»Es ist mir gerade einfach so eingefallen.«

Während unseres Gesprächs erfahre ich ein paar der vielen Dingen, die Anja gerne tut. Diesen Abend wird sie ihre zweite Tanzstunde besuchen. Und seit zwei Monaten lernt sie Portugiesisch. Tudo bem? Zudem arbeitet sie an einem Dokumentarfilm-Projekt. Sie fragt mich: »Kennst du diesen Moment, wenn du die Aufnahmen durchschaust und plötzlich realisierst: ›Das ist es! Das ist der ideale Beginn für den Film!‹ Und es läuft dir kalt den Rücken runter?«

»Ja. Dann weisst du, dass sich die Leute an deine Arbeit erinnern werden.«

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